Ich denke immer noch über einen Mann nach, der etwas verstanden hat, das wir heute auffällig gern verdrängen: Grundsätze sind kein Schmuck. Entweder sie leiten das Handeln oder sie sind wertlos.
Bernhard Lichtenberg lebte in einer Zeit, in der falsche Ideen nicht theoretisch waren. Sie trugen Uniformen, wurden zu Gesetzen, füllten Gefängnisse und endeten in Massengräbern. Er bekämpfte diese Macht weder mit Gewalt noch mit wohlklingenden Parolen. Er tat etwas Radikaleres: er benannte falsche Grundsätze als falsch und verweigerte jede Anpassung. Diese Entscheidung kostete ihn die Freiheit und schließlich das Leben. Ohne Pathos, ohne Selbstinszenierung, ohne taktisches Schweigen, das man später als Klugheit verkauft.
Was mich daran beunruhigt, ist nicht die historische Dimension, sondern wie fremd diese Haltung heute wirkt. Wir reden permanent über Dialog, aber meiden Klarheit. Wir beschwören Empathie und umgehen Verantwortung. Wir verstecken uns hinter Komplexität, sobald eine eindeutige moralische Position unbequem wird. Lichtenberg hatte für diese Ausweichbewegungen keinen Respekt. Er wusste: wenn das Fundament falsch ist, wird jedes darauf gebaute System zwangsläufig zerstörerisch.
Er betete öffentlich für Juden nach der Reichspogromnacht - nicht aus Symbolik, sondern weil ihm klar war, dass Neutralität angesichts von Unrecht bereits Mitwirkung bedeutet. Er verwechselte Vorsicht nicht mit Feigheit und Glauben nicht mit Privatsache. Ethik war für ihn kein persönlicher Stil, sondern eine Verpflichtung, die Konsequenz verlangte, gerade unter Druck.
Wir erinnern uns heute gern an solche Figuren, auch weil sie keine Risiken mehr darstellen. Sie gefährden keine Karrieren, keine Netzwerke, keinen gesellschaftlichen Status. Doch ihr Leben stellt eine unangenehme Frage: was kosten unsere eigenen Grundsätze heute? Wenn die ehrliche Antwort lautet: nichts, dann haben wir vermutlich keine Grundsätze, sondern nur Meinungen.
Ich stehe Erinnerungsritualen skeptisch gegenüber, wenn sie beruhigen statt irritieren. Geschichte ist nicht dazu da, uns moralisch zu streicheln. Sie soll offenlegen, wie leicht selbst aufgeklärte, gebildete Gesellschaften in Konformität abrutschen, sobald Klarheit riskant wird. Lichtenberg wartete nicht auf Zustimmung. Er handelte, als ob Wahrheit keine Erlaubnis braucht.
Diese Geschichte ist eine Warnung an Deutschland, dessen historische Erfahrung bekannt ist und das dennoch beginnt, menschenfeindliche Positionen als „Protest“ oder „Meinungsvielfalt“ zu verharmlosen, während die politische Mitte aus Angst vor Polarisierung ihre eigenen Grundsätze verwässert und damit genau jene rechtspopulistischen Kräfte stärkt, die sie zu bekämpfen vorgibt.
