Der Projektbericht „Die öffentliche Verwaltung im Spiegel der veröffentlichten Meinung“ liest sich auf den ersten Blick wie eine nüchterne empirische Übung. Bei genauerem Hinsehen entfaltet er jedoch eine Sprengkraft, die weit über seine methodischen Grenzen hinausgeht. Denn zwischen den Tabellen, Hypothesen und Diagrammen liegt eine unbequeme Wahrheit verborgen: Nicht nur die Medien prägen ein verzerrtes Bild der Verwaltung, auch die Verwaltung selbst hat sich in eine Komfortzone der Selbstrechtfertigung zurückgezogen.

Zentral und provokant ist bereits die Grundannahme des Projekts: Die öffentliche Verwaltung sei „besser als ihr Ruf“. Diese These wird fast wie ein Axiom behandelt, gestützt auf Reformnarrative seit den 1980er-Jahren, New Public Management, Neue Steuerungsmodelle und betriebswirtschaftliche Instrumente . Doch genau hier beginnt das Problem. Die Autoren übernehmen weitgehend den internen Reformdiskurs der Verwaltung und messen ihn an externer Wahrnehmung, ohne ernsthaft zu fragen, ob diese Reformen für Bürger tatsächlich relevant, spürbar oder legitimierend waren. Effizienzsteigerung auf dem Papier ersetzt keine erlebte Responsivität im Alltag.

Besonders brisant ist der Umgang mit Subjektivität. Der Bericht räumt ein, dass Bewertungen zwangsläufig subjektiv seien, erklärt diese Subjektivität jedoch kurzerhand für überwunden, weil zwei Studierende zufällig ähnliche Einschätzungen zu einem Artikel hatten . Das ist methodisch dünn, inhaltlich aber aufschlussreich: Es zeigt ein tiefes Bedürfnis nach Objektivitätssimulation. Die eigentliche Frage - ob ein homogener Deutungsrahmen innerhalb einer Verwaltungs- und Verwaltungsnachwuchsblase existiert - wird nicht gestellt. Gerade diese Übereinstimmung könnte ein Indiz für kollektive Voreinstellungen sein, nicht für Neutralität.

Am kontroversesten ist jedoch das Verhältnis von Skandal und Struktur. Die Autoren führen zahlreiche Negativdarstellungen auf singuläre „Hauptereignisse“ zurück: Kurnaz, Kevin, Siegburg, Stephanie, Gammelfleisch . Implizit schwingt dabei die Entlastungsthese mit: Eigentlich funktioniere die Verwaltung, sie werde nur durch Ausnahmesituationen diskreditiert. Doch genau hier liegt die Sollbruchstelle. Skandale sind keine meteorologischen Zufälle. Sie sind Stresspunkte eines Systems. Wenn Jugendämter versagen, Justizvollzug kollabiert oder Kontrollbehörden wegscheuen, dann offenbaren sich strukturelle Defizite, nicht bloß mediale Überzeichnung.

Besonders entlarvend ist die Diskussion um die Polizei. Die Hypothese einer überwiegend positiven Darstellung wird falsifiziert, das Ergebnis jedoch sofort relativiert . Der Leser spürt förmlich den inneren Widerstand gegen die eigenen Daten. Dass selbst die vergleichsweise „beste“ Behörde mehrheitlich negativ dargestellt wird, müsste eigentlich eine Grundsatzdebatte auslösen: Warum treffen staatliche Institutionen so häufig erst dann auf Öffentlichkeit, wenn etwas schiefläuft? Stattdessen bleibt es bei der impliziten Medienkritik.

Der Bericht stellt damit unbeabsichtigt eine noch fundamentalere Frage: Was, wenn die Medien nicht das Problem sind, sondern der letzte funktionierende Resonanzraum? Wenn Verwaltung primär über Skandale sichtbar wird, liegt das nicht zwingend an journalistischer Dramatisierung, sondern an fehlender Transparenz, fehlender Fehlerkultur und einer tief verwurzelten Abwehrhaltung gegenüber externer Kritik. Die wiederholte Betonung von „Kundenorientierung“ wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Mantra, nicht wie eine gelebte Realität.

Am Ende steht ein Text, der mehr offenbart, als er beabsichtigt. Er zeigt eine Verwaltung, die sich modernisiert glaubt, aber auf Anerkennung wartet. Er zeigt Medien, die kritisieren, weil sonst kaum jemand hinsieht. Und er zeigt eine akademische Untersuchung, die den Mut hat, Daten zu erheben, aber nicht den letzten Schritt geht, die eigenen Prämissen radikal zu hinterfragen. Gerade darin liegt sein Wert. Nicht als Entlastungsschrift der Verwaltung, sondern als Spiegel einer Institution, die mit Kritik noch immer fremdelt.

FB-3-Heft-08.pdf

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