Offener Brief an die Bundesregierung, an den Bundeskanzler, an das Bundesministerium der Finanzen, an das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz sowie an die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie sprechen seit Monaten davon, privates Kapital zu mobilisieren, Wachstum zu finanzieren und Deutschland wieder investitionsfähig zu machen. Das Problem ist nur: solange der Staat Bürgern erklärt, sie sollten mehr investieren, ihnen aber gleichzeitig keine einfache, spürbar attraktive und politisch gewollte Brücke dafür baut, bleibt das nur Rhetorik. Die Europäische Kommission sagt selbst, dass Europa viel mehr privates Geld in produktive Anlagen lenken muss und beziffert den zusätzlichen Investitionsbedarf auf 750 bis 800 Milliarden Euro pro Jahr bis 2030. Sie wirbt ausdrücklich für einfachere Spar- und Investmentkonten mit steuerlichen Vorteilen, weil mehr Beteiligung von Privatanlegern die Investitionen in EU-Assets in einem optimistischen Szenario um mehr als 1,2 Billionen Euro binnen zehn Jahren erhöhen könnte. Gleichzeitig hat auch die Bundesregierung mit dem Deutschlandfonds öffentlich erklärt, dass privates Kapital ein Schlüsselfaktor für mehr Wachstum in Deutschland sei.
Südkorea hat vorgemacht, wie man aus solchen Sätzen echte Politik macht und genau hier liegt die Lehre für Deutschland. Die Regierung dort hat Ende 2025 ein zeitlich befristetes Modell angekündigt: wer als Privatanleger ausländische Aktien, die am 23. Dezember 2025 bereits gehalten wurden, verkauft, den Erlös in Won zurücktauscht und mindestens ein Jahr lang in heimische Aktien investiert, erhält eine Steuerbefreiung auf die dabei realisierten Gewinne, begrenzt pro Person und zusätzlich nach Zeitpunkt der Rückkehr gestaffelt. Übersetzt in normales Deutsch heißt das: Der Staat sagte den Bürgern nicht bloß „bitte investiert patriotischer“, sondern machte ein glasklares Angebot. Verkaufe deine Auslandsaktien, bring das Geld zurück, halte es im Inland und du zahlst auf diesen Gewinn weniger oder keine Steuer. Genau deshalb war der Schritt so wirksam: er war simpel, berechenbar, sofort verständlich und für normale Anleger finanziell stärker als jeder Sonntagsappell.
Warum war das in Südkorea überhaupt nötig? Weil dort enorme Summen ins Ausland abwanderten und damit nicht nur der heimische Kapitalmarkt, sondern auch die Währung unter Druck gerieten. Nach Daten der Bank of Korea stiegen die Auslandsaktieninvestitionen 2025 auf 114,35 Milliarden Dollar, fast das Dreifache des Vorjahres; zugleich meldeten koreanische Medien unter Berufung auf Zentralbankdaten, dass private Anleger Ende 2025 bereits 210 Milliarden Dollar an ausländischen Wertpapieren hielten. Diese Nachfrage nach Dollar wurde selbst von der Zentralbank als ein Faktor für die Won-Schwäche benannt. Im Dezember 2025 lag der Kurs zeitweise bei rund 1.480 Won je Dollar, nahe dem 16-Jahres-Tief. In genau diesem Umfeld setzte die Politik an: sie belohnte nicht abstrakt „Investitionen“, sondern ganz konkret die Rückverlagerung von Kapital in den eigenen Markt. Dass der KOSPI 2025 um 76% stieg, der stärkste Anstieg seit 1999, war deshalb kein Wunder und keine Magie, sondern die logische Folge eines Staates, der verstanden hat, dass Kapital dorthin fließt, wo der Anreiz plötzlich klar besser ist.
Deutschland hat dasselbe Problem in leiserer Form und redet sich deshalb zu leicht heraus. Die privaten Haushalte verfügten laut Bundesbank im dritten Quartal 2025 über Finanzvermögen von 9,389 Billionen Euro, doch bei Aktienkäufen entfiel mehr als die Hälfte des Zuwachses auf ausländische börsennotierte Aktien, während inländische Titel per saldo nahezu unverändert blieben. Gleichzeitig zeigt die OECD, dass nur 18% der Haushalte überhaupt ein Anlageprodukt halten und nur rund 12% der gesamten finanziellen Vermögenswerte in Aktien und Beteiligungen liegen. Dazu kommt ein System, das psychologisch wie fiskalisch das falsche Signal sendet: in Deutschland werden Kapitalerträge regelmäßig mit 25% besteuert, effektiv meist 26,375% inklusive Solidaritätszuschlag. Das Ergebnis ist absehbar: Deutschland spart viel, investiert aber zu wenig produktiv und wenn investiert wird, dann oft lieber in liquide, große, ausländische Märkte als in den eigenen Standort. Man kann deshalb nicht ehrlich von „Kapital aktivieren“ sprechen, solange der Staat es steuerlich attraktiver macht, passiv zu bleiben oder Gewinne im Ausland weiterlaufen zu lassen, statt ihren Transfer in deutsche und europäische Zukunftsfinanzierung gezielt zu belohnen.
Darum braucht Deutschland jetzt kein weiteres Fördervokabular, sondern ein Deutschland-Reinvestitionskonto mit echtem Zug. Mein Vorschlag ist einfach - wer Gewinne aus dem Verkauf ausländischer Aktien oder ETFs realisiert und den Erlös innerhalb eines engen Zeitfensters in deutsche oder europäische Aktien, Mittelstands- und Wachstumsfonds, Infrastruktur- und Transformationsanleihen oder börsennotierte Venture- und Scale-up-Vehikel umschichtet, erhält eine spürbare, befristete Steuererleichterung, sofern das Kapital mindestens drei Jahre gebunden bleibt. Je früher der Anleger umschichtet, desto höher die Entlastung. Wer nur kurzfristig parkt oder früh verkauft, verliert den Vorteil rückwirkend. So verhindert man Mitnahmeeffekte und belohnt genau das Verhalten, das politisch gewünscht ist: Kapital aus passiver Auslandsrendite in aktive Inlands- und Europa-Finanzierung zu lenken. Das wäre keine planwirtschaftliche Bevormundung, sondern ein marktwirtschaftlicher Tausch auf Augenhöhe. Der Staat müsste nicht erst neues Geld drucken, keine neuen Sonderhaushalte bauen und keine immer größeren Garantiekonstruktionen erfinden, sondern endlich den naheliegenden Hebel nutzen - bestehendes Privatvermögen steuerlich in die richtige Richtung drehen.
Wenn Sie es ernst meinen mit Wettbewerbsfähigkeit, Kapitalmarktunion, Wachstum und wirtschaftlicher Souveränität, dann ist jetzt der Moment, diesen Schritt zu gehen. Deutschland kann es sich nicht leisten, weiter über Investitionsmangel zu klagen, während Milliarden privater Ersparnisse entweder unproduktiv auf Konten liegen oder dauerhaft die Markttiefe anderer Länder finanzieren. Südkorea hat gezeigt, dass eine Regierung Kapitalströme sehr wohl drehen kann, wenn sie aufhört, nur zu appellieren, und anfängt, klare steuerliche Entscheidungen zu treffen. Genau das erwarten Bürger, Unternehmer und Anleger inzwischen von Berlin und Brüssel: keine neuen Schlagworte, keine neuen Prüfaufträge, keine neue Geduldsrhetorik, sondern ein Instrument, das einfach, sichtbar und sofort wirksam ist. Wer privates Kapital wirklich aktivieren will, darf nicht nur um Vertrauen bitten, sondern muss Rendite, Einfachheit und politischen Willen endlich auf dieselbe Seite bringen.
Mit Nachdruck & mit freundlichen Grüßen
Dimitri W.