Viele reden über „unsere Sprache“, als wäre Deutsch etwas Festes, das man schützen kann wie eine Grenze. Besonders laut wird das in politischen Ecken rund um die AfD, wo man gern so tut, als gäbe es ein klares, reines Deutsch, das nur verteidigt werden müsse. Die Idee wirkt simpel. Sie hält aber nicht lange, wenn man sie einmal ernsthaft testet.

Mach es konkret. Ein Reisender kommt in eine deutsche Kleinstadt. Bahnhof, Marktplatz, ein Gasthaus, ein paar Leute auf der Straße. Er schreibt auf, was er erlebt. Am Anfang ist alles in heutigem Deutsch. Dann springt der Text immer 100 Jahre zurück. Kein Trick, keine Fremdsprache - einfach Deutsch, nur früher.

Und dann passiert etwas, das nicht in die politische Erzählung passt: Das „eigene“ Deutsch zerfällt dir in den Händen.

2000: Ich bin heute Nachmittag angekommen. Der Bahnhof ist klein, ein paar Leute stehen herum, keiner beachtet mich. Ich gehe zum Marktplatz, suche mir ein Gasthaus und frage nach einem Zimmer für die Nacht.

1900: Ich traf am Nachmittage ein und fand den Bahnhof unerquicklich still. Einige Leute standen beisammen, doch niemand achtete meiner. Ich begab mich sodann zum Marktplatze und suchte eine Herberge auf.

1800: Nach meiner Ankunft zur Stunde des Nachmittags fand ich den Ort von geringer Lebhaftigkeit und die Leute wenig geneigt, sich mit mir einzulassen. Also suchte ich ein Wirtshaus, auf dass ich ein Lager für die Nacht erhielte.

1700: Als ich in die Stadt kam, war es mir, als sei wenig Leben darinnen, und die Leute achteten mein nicht. Also ging ich zur Herberg, alldieweil ich müd war und der Ruhe begehrte.

1600: Da ich anlangte, fand ich daselbst wenig Geselligkeit, und niemand nahm sonderlich Notiz von mir. Also begab ich mich zur Herberg, auf daß ich Rast hielte.

1500: Ich kam in die stat und sach die lute, doch sy achteten mein nit. Do ging ich zu einer herberg, das ich ruowen möcht.

1400: Do kam ich in die stat, und die liute sahen mich, doch sie liezen mich gân und fragten niht.

1300: Dô ich in die stat kam, die liute enahte min niht, und ich muoste selbe min herberge suochen.

1200: Do ich quam in diu stat, die liute enachtent mich niht, unde ich gienc und suochte mir selbe hus.

1100: Dô ih quam in thaz dorf, nieman achtota min, inti ih gieng selbo inti suochta mir hus.

1000: Dô ih quam, nioman mih ne sach, inti ih gieng inti suochta mir hûs.

Bis etwa 1600 kommt man noch mit. Danach wird es Arbeit. Ab 1400 muss man sich durchkämpfen. Ab 1300 versteht man nur noch Fragmente. Und das ist der entscheidende Punkt: das alles ist Deutsch. Kein Import und keine „Verfremdung“. Es ist einfach die eigene Sprache, nur ein paar Jahrhunderte früher.

Das bedeutet: Wer heute von „Bewahrung“ spricht, meint in Wirklichkeit etwas ganz anderes. Er nimmt einen zufälligen Zeitpunkt - meistens den, den er selbst noch versteht und erklärt ihn zur Norm. Alles davor blendet er aus, alles danach nennt er Verfall. Das hat nichts mit Sprache zu tun, das ist reine Projektion.

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