Dass Hermann Göring, Reichsmarschall der Luftwaffe und offiziell designierter Nachfolger Hitlers, einen jüngeren Bruder hatte, ist bekannt. Weniger bekannt ist jedoch, wofür dieser Bruder stand. Albert Göring, geboren 1895, lebte bis 1933 ein privilegiertes Leben als wohlhabender Lebemann. Er war im Filmgeschäft tätig und genoss die Freiheiten seiner Zeit. Mit der Machtübernahme Hitlers änderte sich sein Leben grundlegend – nicht, weil er sich anpasste, sondern weil er sich innerlich verweigerte.

Albert Göring war kein politischer Aktivist im klassischen Sinn. Er organisierte keine antinazistischen Demonstrationen – er hätte sie ohnehin nicht organisieren können. Sein Protest war leise, persönlich und eigensinnig. Zeitzeugen berichten, dass er sich einmal bewusst einer Gruppe jüdischer Frauen anschloss, die gezwungen worden waren, eine Straße zu reinigen. Albert nahm einen Lappen, kniete sich auf den Asphalt und half mit. Ein SS-Offizier, der seine Papiere kontrollierte, erkannte, wen er vor sich hatte, geriet in Panik und befahl, die Aktion sofort abzubrechen – aus Angst, wegen der öffentlichen Demütigung des Bruders von Hermann Göring selbst Ärger zu bekommen.

Auch im Alltag verweigerte sich Albert Göring den nationalsozialistischen Ritualen. Wurde er mit dem damals allgegenwärtigen Gruß „Heil Hitler“ begrüßt, antwortete er sinngemäß: „Verzeihen Sie, aber das ist mir völlig egal.“ Eine kleine Geste – in jener Zeit jedoch ein offenes Zeichen innerer Opposition.

Vor allem aber nutzte Albert Göring seinen Nachnamen, um Menschenleben zu retten. Er half seinem ehemaligen jüdischen Vorgesetzten Oskar Pilzer, das Deutsche Reich zu verlassen, und rettete ihm damit das Leben. Dasselbe tat er für mehrere Mitglieder des antifaschistischen Widerstands – darunter Juden, politische Gegner des Regimes und Kommunisten. Nach der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei übernahm Albert eine leitende Position im Außenvertrieb des Škoda-Konzerns. Dort unterstützte er gezielt Sabotageaktionen gegen die Rüstungsproduktion und organisierte Fluchten von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen, indem Transporte manipuliert und Fluchtmöglichkeiten geschaffen wurden.

Albert Göring handelte dabei äußerst einfallsreich: Er verhandelte mit der SS, dass Häftlinge zur Zwangsarbeit zu Škoda geschickt wurden – und plante anschließend ihre Flucht. Bestochene Fahrer hielten die Lastwagen in Waldgebieten an, gingen angeblich „eine rauchen“, und die Gefangenen nutzten die Gelegenheit, um zu entkommen.

1944 geriet Albert Göring ins Visier der Gestapo und wurde verhaftet. Nur das Eingreifen seines Bruders Hermann rettete ihn vor schweren Konsequenzen. Hermann soll ihn eindringlich gewarnt haben: „Beende deinen unnötigen Edelmut. Mein Einfluss auf den Führer schwindet rapide, Himmler steht ständig an seiner Seite. Beim nächsten Mal kann ich dich nicht mehr retten.“ Albert Göring ignorierte die Warnung.

Nach heutigem Forschungsstand ist gesichert, dass Albert mindestens 34 jüdische deutsche Staatsbürger vor der Ermordung bewahrte. Berücksichtigt man andere Fälle, darunter die Flucht von KZ-Häftlingen, dürfte die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen. Jede Rettungsaktion finanzierte er aus eigener Tasche – von einem Vermögen, das er in den 1930er-Jahren in der Schweiz angelegt hatte. Am Ende hatte er jeden Pfennig aufgebraucht, und das prägte sein weiteres Leben.

Im Mai 1945 wurden beide Brüder von den Alliierten festgenommen. Albert saß im Nürnberger Gefängnis nur wenige Zellen von Hermann entfernt. Die Ermittler begegneten seinen Aussagen zunächst mit Skepsis und hielten seine Rettungstaten für erfunden. Erst durch die Aussagen der von ihm Geretteten wurde er 1946 freigelassen. Kurz darauf nahmen ihn die tschechoslowakischen Behörden fest, ließen ihn jedoch nach Protesten ehemaliger Widerstandskämpfer umgehend wieder frei. Es klang unglaublich: Der Bruder von Hitlers Stellvertreter hatte Partisanen, Kommunisten und Juden gerettet. Und doch war es die Wahrheit.

Nach Kriegsende war Albert Görings Leben geprägt von Armut und Ausgrenzung. Sein Nachname machte eine reguläre berufliche Existenz nahezu unmöglich. Er arbeitete zeitweise als Übersetzer und Stenograf, lebte in einer kleinen Wohnung und bezog später nur eine bescheidene staatliche Rente. Er starb am 20. Dezember 1966.

Erst Ende der 1990er-Jahre rückte sein Handeln langsam ins öffentliche Bewusstsein. Herbert Pilzer, der Sohn des von Albert geretteten Oskar Pilzer, erklärte in einem Interview mit deutschem Fernsehen, dass Göring nicht nur seinem Vater geholfen habe – Dutzende Familien in ganz Europa verdankten ihm ihr Leben.

Albert Göring war kein bewaffneter Widerstandskämpfer, kein Attentäter, kein Held im klassischen Sinn. Er ging nicht mit der Granate auf Panzer los, erschoss keine SS-Männer und legte keine Hinterhalte. Er hätte sich dank seines einflussreichen Bruders ein komfortables Leben im Deutschen Reich sichern können. Stattdessen entschied er sich, sein Vermögen, seine Sicherheit und letztlich sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, um andere zu retten.

Sein Name steht nicht in Schulbüchern. Er erhielt keine großen Ehrungen.
Aber sein Handeln erinnert daran, dass selbst im Zentrum eines verbrecherischen Systems individuelle moralische Entscheidungen möglich waren.

Albert Göring – ein Mann, dessen stiller Mut Jahrzehnte lang im Schatten blieb, dessen Taten jedoch unzählige Leben retteten. Möge man ihm endlich die Anerkennung zollen, die ihm gebührt.

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